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Auf dem Rad auf den Spuren von Peter Swyn

Dithmarschen ist ein Land voller Geschichte. Spannend und oft spektakulär nah, wie beispielsweise in den mystischen Mooren oder der historischen Altstadt von Meldorf – man meint, den Atem der Geschichte zu spüren. Von Meldorf über Heide nach Lunden radelt man auf den Wegen des legendären Peter Swyn, einem Hauptakteur Dithmarscher Souveränität.

Radfahren in Dithmarschen: Auf den Spuren von Peter Swyn

Schaurig-schöne Radtour

Auf den Spuren grausamer Schlachten, Blutrache und Politmorden in der Provinz. Die Reise beginnt mit einer sehenswerten  Ausstellung (für das nötige Hintergrundwissen) und endet mit dem Tode Swyns in einer Grabkammer in Lunden. Schaurig-schöne Gänsehaut inklusive. Und diese auch in einem magisch-morbiden Moor. Wenn im Oktober die Kraniche im Nebel sehnsuchtsvoll trompeten.

Glaube, Macht und Selbstjustiz“ lautet der Titel der Ausstellung im Dithmarscher Landesmuseum in Meldorf (bis Mitte November 2017). Dort wird anschaulich, teils mit Original-Exponaten, erklärt, wie es mit der Reformation damals in Dithmarschen war. Und warum auch Heinrich van Zutphen brutal ermordet wurde. „Die Reformationsgeschichte Dithmarschens liefert im Kleinen, wie unter einer Lupe zusammengefasst, all das, was man auch im Großen und Allgemeinen mit der Reformation und dem damit verbundenen historischen Geschehen verbindet“, erklärt Museumsdirektorin Jutta Müller. „Es ging natürlich um Glaubensfragen. Aber gleichzeitig auch um Machtfragen – und die wurden mitunter gewaltsam und brutal beantwortet.“ Glaube, Macht - und Mord.

Auf den Spuren der Geschichte Peter Swyns

Im 16. Jahrhundert war Dithmarschen de facto eine unabhängige Bauernrepublik. Regiert wurde das Land von einem Rat bestehend aus den Anführern der mächtigsten Familien Dithmarschens – von 48 Männern, dem „Rat der 48er“. Zwar war Dithmarschen kirchlich und weltlich bremischen beziehungsweise hamburgischen Obrigkeiten unterstellt, tatsächlich aber war das Land autonom.   

Eine der wichtigsten Personen war Peter Swyn, einer der reichsten Bauern Dithmarschens und vermutlich spätestens seit 1512 im „Rat der 48er“ vertreten, nahm vermutlich als 19jähriger an der legendären Schlacht von Hemmingstedt teil, und war am Mordkomplott gegen den Reformator Heinrich van Zutphen maßgeblich beteiligt. Später setzte er sich – in seinen Ansichten gewandelt – für reformatorische Veränderungen und eine eigene Landeskirche ein. Dieser Einsatz wurde zu seinem Verhängnis: In der ganzen Bauernrepublik Dithmarschen sprach er sonntags nach der Kirche, um die Landesordnung aufzukündigen und für Reformen in Dithmarschen. Es kam zum Krieg der Familienclans untereinander. Am 14. August 1537 wurde Peter Swyn am Goosweg nahe Lehe/Lunden von (vom gegnerischen Clan) bezahlten Mördern von seinem Pferd gerissen und erstochen.

In Meldorf spielte sich 13 Jahre zuvor eine andere brutale Geschichte ab, die typisch für die Wirren der Reformation war: Heinrich van Zutphen studierte mit Martin Luther in Wittenberg. Kirchherr Nicolaus Boje aus Meldorf, ebenfalls Weggefährte Luthers, bat van Zutphen, die neuen Ideen auch in Dithmarschen zu predigen. „Er hat 1524 in der Meldorfer Kirche gepredigt“, sagt Jutta Müller, „leider sind seine Predigttexte nicht erhalten.“ Es waren, gerade in Dithmarschen mit seinem Marien-Kult, ketzerische Ansichten, die sehr bald auf Hass und Widerstand stießen. Noch heute steht in Meldorf etwas versteckt ein altes Gebäudeensemble – das ehemalige Dominikaner-Kloster, inzwischen längst aufgelöst. Diese Geistlichen sahen in van Zutphen und seinen Ideen eine Gefahr der alten Ordnung und integrierten beim Rat der 48er. Van Zutphen musste weg! Einer derjenigen, die am Mord-Komplott gegen van Zutphen beteiligt gewesen ist, war – Peter Swyn. „Er war einer der drei maßgeblichen Mitinitiatoren“, sagt Jutta Müller. 

Die Dämmerung senkt sich über das historische Viertel Meldorfs; Ziegelsteinhäuser, enge und verwunschene Gassen, nebelnasses Kopfsteinpflaster - es ist eine seltsame Atmosphäre, in der man Geschichte beinahe greifen kann. „Eines Abends fiel eine Abordnung der 48er zusammen mit einer Horde betrunkener Bauern in das Pastorat ein. Heinrich van Zutphen wurde aus seinem Haus gezerrt und sie stießen ihn barfuß, nächtens, vor sich her nach Heide. Dort erwartete ihn Folter und ein kurzer Prozess, bei dem er nie eine Chance hatte“, berichtet die Historikerin Jutta Müller, „van Zutphen sollte so schnell wie möglich hingerichtet werden.“ Am folgenden Morgen brannte der Scheiterhaufen nicht; er war nassgeregnet. Van Zutphen wurde daraufhin auf dem Galgenberg mit einem Hammer erschlagen.    


Von Meldorf ist es nur ein kurzes Stück zum Denkmal der Schlacht von Hemmingstedt, dem entscheidenden Moment der Souveränität Dithmarschens.

Es geht über Kopfsteinpflaster aus der Stadt hinaus, bald ist das Flüsschen Miele überquert und der Radler fährt durch reiches Bauernland – Sonnenblumen wiegen sich im Wind und leuchten vor dem Hintergrund dunkler Wolken, bunte Blumen am Ackerrand. Die Luft schmeckt nach der See, das nahe Meer ist zu spüren und das ablaufende Wasser nimmt das regnerische Wetter mit hinaus. Der Wind bleibt und wispert in den Kronen der Pappeln und Linden. Nieselnasse Getreidefelder duften beinahe wie Brot und das Aroma gemähten Grases weht vorüber.

Im Frühjahr und Sommer ein idyllisches Bild: Schwalben sausen nahe der Bauernhöfe durch den Himmel, Kiebitze wippen über die Wiesen. Auf den Warften stehen die stattlichen Höfe Dithmarschens, Pferde und Schafe davor. In einer Allee hebt bald ein Sing-Sang zarter Vogelstimmen an. Und dann das Denkmal der Schlacht: steinern wie für die Ewigkeit, wuchtig und brutal, mit Ketten und Morgensternen in der Umzäunung. Der Blick reicht weit über Felder und Wiesen, über Gräben und die fette Marsch. Dithmarscher Herzland und Ort stolzer Identität:


Im Februar des Jahres 1500 trafen Dithmarscher Bauern auf die zahlenmäßig weit überlegenen Truppen des dänischen Königs und seines Bruders, des Herzogs von Holstein. Letztere noch unterstützt von einem kampferprobten, grausamen Söldnerheer, das auf rebellierende Bauern spezialisiert war. Eine Schlacht hob an, rücksichtslos und tödlich; mit Lanze, Schwert und Hellebarde. Dithmarscher Bauern, so schien es, waren ohne Chance, doch mit List und Geländekenntnis gelang ihnen der Sieg. Die Dithmarscher Bauern waren beweglicher, weil weniger bewaffnet; es gelang ihnen, mit Springstöcken die Gräben zu überwinden – so entkamen sie den gepanzerten Reitern. Die meisten ihrer Feinde ertranken übrigens. Für folgende 59 Jahre gewannen die Dithmarscher Eigenständigkeit. Man kann vermuten, dass auch der junge Peter Swyn an dieser Schlacht teilgenommen hat.

Über Heide geht es weiter auf ausgewiesenen Radwegen nach Norden. Von Lunden zieht sich ein Niedermoor zwischen den Geestrücken nach Süden, das mit 1000 Hektar größte seiner Art an der Westküste. Der Wind jagt Wolken über das weite Land. Schilfflächen wiegen sich im Wind wie ein Meer aus Grün; changierend in den Farbtönen, fast zischend in den Böen. Peter Swyn fand seinen Tod im Moor. So ähnlich wird es vor fast fünfhundert Jahren hier ausgesehen haben - kein Dorf in Sicht, ein großer, leerer Raum. Und ein idealer Hinterhalt. Auf einsamen Wegen. Es raschelt im Riet, es flirrt über den Feuchtwiesen, der Feldweg führt ins Nichts. Der Wind nimmt zu, die Wolken werden dunkler, aber immer wieder zerrissen; stürmend und sich stetig wandelnd in einer eigentümlichen Dramatik.

Im Frühjahr und Sommer ruft der Kuckuck laut und verlockend, der Wind weht seine Rufe herüber. So als ob seine Stimme den einsamen Radfahrer verführt, tiefer und immer tiefer einzudringen in einen Raum, in dem Mensch eigentlich nichts zu suchen hat. Dunkles, unergründliches Wasser steht am Wegesrand. Der Wind verwirft die Schattenrisse verbogener Bäume zu bizarren Bildern. Moore, das waren Orte, die einst aus gutem Grund gemieden wurden. Geisterhaft und voller Spuk. Die Böen rauschen und wispern in den Büschen und Bäumen. Ein klagender, ja beinah stöhnender, Vogelruf hebt an. „Im Frühjahr kann man hier die Rohrdommel hören, die klingt wie in den Hals einer leeren Flasche gepustet“, sagt Leif Rättig, Flächenmanager der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein. Und wieder dieser wehe Vogelruf, es ist nicht der Herbstwind allein, der die Gänsehaut kribbeln lässt.

„Ab April kann man hier auch die anderswo selten gewordene Feldlerche gut beobachten“, sagt Rättig und hören: ein süßes Vogellied, melodisches Tirilieren. „Wer Zeit hat und Muße und ein gutes Fernglas, kann hier einiges sehen!“. Allein gute sechzig Brutvogelarten sind verbucht, zwanzig von ihnen stehen auf der Roten Liste gefährdeter Tierarten. Südlich des Mötjen-Sees gibt es eine Aussichtsplattform. Im Himmel kreisen zwei Seeadler.

Der Wind nimmt zu, und ein dauerndes, fast dröhnendes Rauschen begleitet den Radler weiter nach Norden. Im Oktober beginnt hier ein faszinierendes Naturschauspiel: Wenn die Nebelschwaden aus den herbstlichen Sümpfen aufsteigen, kommen die durchziehenden Kraniche – ihr sehnsuchtsvolles, trompetenartiges Rufen weht weit übers Moor. Die silbrig-hellen Blattunterseiten der Pappeln flirren im Sonnenlicht, rauschen im Wind. Wolkenschatten rasen heran und augenblicklich wird es seltsam kühl.   
Es geht durch das Moor immer weiter nach Norden, bis fast an die Grenze zu Nordfriesland. Zu dem Ort, wo das bewegte Leben des berühmten Dithmarschers  Peter Swyn sein jähes Ende fand. Ein Gedenkstein erinnert an das Verbrechen am Goosweg in Lehe, heute reicht der Blick von dort über Ackerland, in unmittelbarer Nähe donnern die Züge Richtung Hamburg und Sylt vorbei. Ein schmaler Weg führt ins Nirgendwo der Niederung. Auch heute eine einsame, verlassene Stelle. Hans-Jürgen Löbkens, Vorsitzender des Fördervereins zum Erhalt des Lundener „Geschlechterfriedhofs“, führt auf eben diesen und zeigt den Gedenkstein Swyns.  

Hier fand Peter Swyn seine letzte Ruhe, auf dem Friedhof von St. Laurentius. Ein Wegesystem mit Info-Tafeln führt den Besucher zu den spannendsten Stellen. Grau vom Wetter der Jahrhunderte stehen und liegen hier die alten Grabplatten; manche verwittert, manche erzählen noch Geschichten. Auf diesem Friedhof ragen seltsame Hügel aus der Erde. Eine Heimstatt der Toten, die wohl einzigartig ist in Deutschland – auf dem „Geschlechterfriedhof“ in Lunden (Geschlechter = Familie, Sippe) werden die Toten auch in Grabkammern, in Kellern, aufbewahrt, 13 dieser Grüfte sind bis heute erhalten. In eine davon kann man hinab steigen. 


Dazu später, zurück zu Swyn. Er setzte sich in späteren Lebensjahren für die Abkehr von der Katholischen Kirche hin zum neuen Glauben, der Reformation, ein. So versuchte er beispielsweise, notwendige Änderungen im Rechtswesen wie der Abschaffung des Fehderechts umzusetzen. „Andere Familien, vornehmlich die Russeboligmannen, befürchteten durch diese Veränderungen erhebliche Machtverluste“, erklärt Hans-Jürgen Löbkens. Ein Mordkomplott wurde geschmiedet. „Peter Swyn ritt wie üblich in seine Ländereien im nahen Moor, um die Arbeiten seiner Tagelöhner zu kontrollieren. Dort lauerten ihm die  Auftragsmörder auf, rissen ihn vom Pferd und erstachen ihn.“

Löbkens geht die enge Treppe hinunter in die feuchte Kühle des Grabkellers. Es müffelt modrig und nach feuchter Erde. Die schaurige Kammer besteht aus zwei Räumen, Algen wachsen an den Wänden, der weiße Putz ist weitgehend abgebröckelt. Schwaches Licht beleuchtet ein Gestell, auf dem ein Sarg lagert. „Natürlich liegt dort niemand drin“, sagt Hans-Jürgen Löbkens, „hier demonstrieren wir, wie einstmals bestattet wurde. In der Regel ist diese Grabkammer von Ostern bis Erntedank zugänglich  von  9 bis 17 Uhr.“

Ein Ort mit Gruselfaktor. Als wir wieder zum Tageslicht hinaufsteigen und das Reich der Toten verlassen, weht ein inzwischen gnädiger Herbstwind über den lichtdurchfluteten Kirchhof und verweht das bunte Herbstlaub der Kastanien. Hier liegen sie, die Feinde und die Helden von einst. Seite an Seite; nach Politmorden, Blutrache und grausamen Schlachten. Dort, wo der Wind wohnt und die Steine Geschichten erzählen.

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